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"Karl Schneider wieder entdecken"

"Zur Phänomenologie des Digital-Bildes III"

Während sich meine Bilder der Serie „Zur Phänomenologie des Digital-Bildes“ (Jahresausstellung des BBK im Kunsthaus 2005) mit digitalen Architekturen aktueller Computerspiele beschäftigten, habe ich für diese Ausstellung Karl Schneiders physische Architekutren in die digitale Matrix des Produktions-bereiches von Computerspielen transferiert.

Die Gebäude Karl Schneiders wurden basierend auf Grundrissen und Fotografien und unter Zuhilfenahme einer 3D-Animations-Software nach Konstruktionsprinzipien von Computerspielen digital neugebaut. Polygone bilden im Digital-Bild Flächen, welche in einem dreidimensionalen, digitalen, offenen Raum in einem Zusammenhang miteinander Räumlichkeit schaffen. Dieser weiße offene Raum oder auch Nicht-Raum, der ersteinmal scheinbar als Hintergrund dient, wird sowohl dem Digital-Bild als auch den Leinwänden zu einer Matrix aller Möglichkeiten – in unserem Fall vorwiegend aller räumlichen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Trotz ihrer dreidimensionalen Koordinaten und Definierung ist der Status von Polygonen im Computerspiel eindimensional:

Die Normalen-Vektoren einer Ebene definieren ebenfalls deren Polygon, dessen positive Seite (Vorderseite) im Digital-Bild sichtbar ist; dessen Rückseite aber zugunsten der Beschleunigung des Rechenvorgangs nicht nur nicht sichtbar, sondern einfach nicht vorhanden ist.
Die Frage nach der Dimensionalität solcher Objekte stellt sich zu aller erst: ein, zwei, drei oder mehr.
Sie führt uns User zeitgleich auch in den Bereich einer Ästhetik der Verknappung, und zwar insbesondere an sogenannten Bugs: Grenzbereiche, welche hinter die Bühne des Digital-Bildes treten lassen und dessen Gerüst - oder Ungerüst - sichtbar, beziehungsweise unsichtbar werden lassen, wobei die faktische Eindimensionalität der dreidimensionalen Grafik aufbricht.

Durch das Weglassen gewisser Bestandteile im Digital-Bild, so zum Beispiel Wände und Böden, entsteht eine fraktalisierte Ausgabe der digital neugebauten Architekturen Karl Schneiders, welche ein Wiedererkennen auf den ersten Blick weitgehend verbaut. Der Verbau läuft nun entlang eines doppelten Indize-Wechsels: dadurch, dass eigentlich sichbare Polygone unsichtbar werden, werden ursprünglich unsichtbare Polygone sichtbar. Präziser noch muss davon ausgegangen werden, dass den ursprünglich existenten Bestandteilen des Digital-Bildes der Status des Da zeitweilig abhanden kommt dahingegen anderen, räumlich dahinter stehenden Bestandteilen, z.B. Wänden, zuteil wird. Eben diese Zuteilung und zeitgleiche gemeinsame Teilung aber wirft selbst das Konzept von Da und Nicht-Da, von existent und nicht-existent zusammen.
Wenn das nun unsichtbare, ja mehr noch nicht existente, nicht vorhandene Polygon die Sichtbarkeit und das Da des dahinterliegenden Polygones bedingt, so tut es seine Wirkung und kann somit nicht mehr nicht-existent sein. So muss man an dieser Stelle vom Virtuellen und Aktuellen im Sinne H. Bergsons, hier also von virtuellen Polygonen und aktuellen Polygonen sprechen. Seine Theorie von virtuellen und aktuellen Bildern im Erinnerungsprozess ist für G. Deleuzes großartige Analyse des Films maßgeblich gewesen. G. Deleuze spricht in seinen Büchern Kino I und II von der zirkulären Bewegung zwischen den sich beständig hinterherjagenden aktuellen und virtuellen Bilder des Kinofilms in einem Zustand der Ununterscheidbarkeit, wie etwa beim Blick in den Spiegel, der die Frage aufwirft, welches nun das aktuelle und welches das virtuelle Bild ist – der Blick in den Spiegel oder der Blick aus dem Spiegel.

In den zehn Bildern dieser Ausstellung wird die zirkuläre Bewegung von virtuellen und aktuellen Polygonen in versichieden ausgeprägten Stadien besonders deutlich, mal überwiegen die sichtbaren Polygone und mal die unsichtbaren. Durchgehend ist der konstitutive Status der virtuellen Polygone im Vordergrund, denn so wie diese die Sichtbarkeit der aktuellen Polygone bedingen, weisen die aktuellen Polygone ihnen Unsichtbarkeit zu - letztere sind somit ebenso konstitutiv. Drehe der Betrachter in seiner Vorstellung den Blickwinkel um ein paar Grad und schaue hinter ein aktuelles Polygon, so würde es unsichtbar, eben virtuell werden und öffnete den Raum und den Blick auf ein noch gerade virtuelles und nun aber sichtbares also aktuelles Polygon. Die gesamte räumliche Situation und somit auch das Bild würde sich komplett verschieben.

Wlodek Bzowka, Juli 2006






Turnhalle Farmsen 80cm x 130cm, Öl auf Leinwand

Haus Müller-Drenkberg 55cm x 90cm, Öl auf Leinwand


Haus Bauer 80cm x 130cm, Öl auf Leinwand


Röntgen-Röhren Fabrik 80cm x 130cm, Öl auf Leinwand


Müller-Drenkberg 80cm x 130cm, Öl auf Leinwand


Röntgen-Röhren Fabrik 55cm x 90cm, Öl auf Leinwand


Villa Michaelsen 80cm x 130cm, Öl auf Leinwand


Haus Bauer 55cm x 90cm, Öl auf Leinwand