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"flatten image - save as copy" - "5/4", Gruppenausstellung im Förderverein Kulturzentrum Marstall e.V. Ahrensburg

"Deutscher Nebel"

18.02.07 bis 18.03.07












Je ca. 38cm x 48cm, PE-Schaum, Akryl, Kleber auf Karton mit
Profil, glasgerahmt



"Deutscher_Nebel10071", 135cm x 240cm, PE-Schaum,
Akryl, Kleber auf Leinwand, 2/2007


Detail aus "Deutscher_Nebel10071"

"Deutscher_Nebel10085", 135cm x 240cm, PE-Schaum,
Akryl, Kleber auf Leinwand, 2/2007


Detail aus "Deutscher_Nebel10085"

"Deutscher_Nebel10104", 135cm x 240cm, PE-Schaum,
Akryl, Kleber auf Leinwand, 2/2007


"Deutscher_Nebel20208", 135cm x 240cm, PE-Schaum,
Akryl, Kleber auf Leinwand, 2/2007


"Deutscher_Nebel20251", 135cm x 240cm, PE-Schaum,
Akryl, Kleber auf Leinwand, 2/2007



Rede von HAJO SCHIFF im Ahrensburger Marstall am 18. Feb. 2007:

 

„flatten image – save as copy“

Wlodek Bzowka, Max Czycholl, Seok Lee und Mark Matthes

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Künstler und Freunde.

 

Heute Morgen zu Ihnen sprechen zu dürfen, ist mir eine besondere Freude. Denn ich glaube, wir haben es hier mit einer sehr schönen Ausstellung zu tun. Und ich sage dieses in Kunstkritikerkreisen etwas verpönte Wort „schön“ ganz bewusst, denn die Arbeiten der vier jungen, bei ganz verschiedenen Professoren der Hochschule für bildende Künste in Hamburg diplomierten Künstler hier sind alle zwar hoch intelligent und reflektieren nichts weniger als die Bedingungen unserer Raum-Wahrnehmung – aber sie verzichten keineswegs darauf, diese sehr theoretischen und konzeptionellen Überlegungen in eine Form einfließen zu lassen, also durchaus etwas herzustellen, das dann manchmal wie ein Gemälde, zumindest aber wie ein Bild aussieht. Aber, man soll sich nicht täuschen lassen – selbst da, wo es von der Technik her um traditionelle Ölmalerei geht, ist die Wahrnehmung dieser Künstler, genauer dieser Künstlergruppe namens  „5 Viertel“, sowie ebenso die von den Betrachtern erwartete Wahrnehmung, eine ganz gegenwärtige, eine durch alle heutigen Medien vermittelte und gebrochene. Kann ja auch gar nicht anders sein, ist doch keiner von diesen Künstlern älter als 30 Jahre. Schon der für einige bestimmt etwas mysteriöse Titel der Ausstellung „flatten image – save as copy“ ist etwas sehr gegenwärtiges, es ist das Zitat einer Speicheroption eines Computerprogramms.

 

Lasen sie mich Ihnen nun der Reihe nach die Arbeiten der vier Künstler Wlodek Bzowka, Max Czycholl, Seok Lee und Mark Matthes etwas erläutern.

 

Wlodek Bzowka ist nicht nur im Alphabet der erste, seine Bilder sind auch die größten. Und er ist jemand, der zu seinen Arbeiten äußerst viel erzählen kann, ja vielleicht auch erzählen muss, der sich aber auch vorstellen könnte, stattdessen als Kommentar nur Geräusche abzuspielen. Das würde Sie dann vermutlich noch stärker irritieren, wie die eigenartigen blauen bis blauschwarzen Formen auf den großen Bildtafeln. Der Titel dieser Bildreihe ist „Deutscher Nebel“. Das legt eine Spur zur Kunstauffassung der Romantik, erlaubt Assoziationen zum Boom deutscher Malerei, hat aber auch etwas Zwielichtiges oder auch Magisches an der Grenze zum Schattenreich, vielleicht auch etwas möglicherweise Kriminelles. Allein dem Bildthema bringt es uns nicht näher. Denn was bitte sehr ist hier eigentlich so formscharf und klar (also gar nicht neblig), jedoch ohne jeden symbolischen Bezug dargestellt? Wie schön, dass in der Kunst nicht immer alles sogleich ganz klar ist, denn dann würde die Beschäftigung damit ja zu schnell uninteressant sein --- Sonnenblumenmaler werden heute eben nicht mehr an den Kunsthochschulen ausgebildet – auch wenn, verzeihen Sie mir diese kleine Abschweifung – im Gefolge der so gehypten Leipziger Malerei auch so manche drittklassigen Abbild-Maler wieder einen Markt finden.

 

Also: Auch wenn die Bilder von Wlodek Bzowka nicht sogleich zu uns sprechen, es gibt genug Gründe für die Vermutung, dass es sich nicht bloß um die individuelle Komposition freier Formen handeln kann. Bevor ich aber jetzt einfach das Geheimnis lüfte, indem ich zum Beispiel sage, welchen Sound Sie sich zu den Bildern denken können, möchte ich doch erst noch weitere Indizien für mögliche Referenzen sammeln. In der schattigen Farbigkeit scheint sich ein Schattenreich zu manifestieren, dessen Formen wie in dem wunderschönen Höhlengleichnis des griechischen Chefdenkers Plato möglicherweise nur die Umrisse von sehr dreidimensionalen Verpuppungen, vielleicht sogar von lebendigen Figurationen sein können. Sodann haben die Bilder ein Seitenverhältnis von16 zu 9, das ist ein typisches Kinoformat. Die Formen, so spitz sie auch sind, haben auch durchgängig einen schwachen horizontalen Streifen, eine von Fernsehen und Bildschirm her bekannte Zeilenstruktur. Und das Material, aus dem die Formen so scharf geschnitten sind, stellt sich, gleich ob man es erkennt oder nicht, als ein vermutlich recht gewöhnlicher Fließstoff aus dem Alltag heraus. Bildschirm, Kino, Fließen, Nebel, Matrix, Fantasy, Action…. Der Sound dazu wären harte Geräusche, Schüsse und Schreie.

 

Wlodek Bzowka spielt, sammelt, kopiert und bearbeit seit Jahren die immer mal wieder in Verruf geratenden Computer-Kriegsspiele. Das Motiv dieser Matisse-artigen, großen Bildschnitte sind also Digitalbilder in dynamischem Zerfall, kurze Momente von Computerfehlleistungen, zerbrochene Architekturen des menschlichen Körpers oder schlechtgerechnete Raumschichtungen, die für einige Augenblicke die Illusion aufreißen und ihre mathematische Konstruktion sichtbar machen. Es sind, Wlodek Bzowka hat auch das früher dargestellt – mitunter im wahrsten Sinne des Wortes – „bodenlose“ Welten, die noch weitaus fremder sind, als die sonst eigentlich weitgehend perfekt simulierte Parallelwelt der Spiele.

 

Aber was ist schon die „richtige“ Welt und was die „andere“, die „falsche“ oder „fremde“? Es ist ja ein Wesenszug dieser Künstlergruppe, dass Sie in ihrer Untersuchung dieser Grenzen unserer Wahrnehmung gleichermaßen Computer, Pinsel und Kamera einsetzt – und auch in den traditionelleren künstlerischen Techniken für ziemliche visuelle Überraschungen sorgt. Betrachten Sie nämlich die Photographien von Max Czycholl, so können Sie auch bei diesen Bildern ihren Augen nicht trauen. Auch hier wird der Künstler gerne gefragt, was das denn sei. Und ich kann Sie beruhigen, auf der Sachebene sind das Photographien, ganz normale, ganz traditionelle, keineswegs irgendwie manipuliert mit „Photoshop“ oder so. Sie zeigen Architekturen, aus verschiedenen Zeiten und verschiedenen Orten. Aber auch diese durchaus realen Gebäude und Gebäudeteile haben etwas Irritierendes. Die Dreierfolge der Bilder mit nordischem Licht und Schnee zeigt einen Bau, der so konsequent mit Kacheln überzogen ist, dass das wie gepixelt wirkt – und eine Zuordnung von Größenverhältnissen kaum mehr ermöglicht. Das Haus scheint so etwas wie eine Tarnkappe zu tragen. Und die in der Hängung rhythmisierte Achter-Folge von schwarz/weiß-Photos zeigt ebenfalls eine real gebaute Umwelt, die einigermaßen irreal erscheint. Max Czycholl ist übrigens auch Diplomierter Geograph mit Schwerpunkt Stadt- und Raumplanung. Auch unter solchen Gesichtspunkten legt er großen Wert darauf, seine Bilder dem Ausstellungsraum anzupassen, die Achter-Folge ist extra hier für Ahrensburg erstellt. Und in der Hängung werden auf indirekte Weise die Strukturen und Texturen des Umraumes aufgenommen. Und die sind hier ja stärker, als in vergleichbaren „White Cube“-Ausstellungsorten. So haben die Künstler darauf verzichtet, wie sonst bei ihnen üblich, ihre Arbeiten aufeinander zu beziehen oder gemischt zu hängen.

 

Auch Seok Lee hat neben der freien Kunst Architektur studiert. Bei ihm geht der Bezug zum Raum sogar so weit, dass er sagt, sein neuestes Bild sei „ein Auftrag des Gebäudes“ an ihn. Tatsächlich lassen sich Parallelen finden zwischen den analytischen Brüchen in den Landschaften und Räumen Seok Lees und dem Montageprinzip der hiesigen Architektur, bei dem die Fenster von außen alt und innen neu sind, bei dem die bauhistorischen Schnitte in der Wand und im Boden genau solche Risse in der Oberfläche sind, wie sie Seok Lee in seinen Bildern malt. Sein Thema sind die Grundlagen der Bildlichkeit selbst. Seine Malerei täuscht einerseits in alter Tradition realistische Räume an, andererseits hebt sie solche vorgestellt realen Welten gleich wieder auf. Mitten im schönen Bild der Welt zeigen sich bei ihm Schnitte oder Strudel, Spektralleisten oder Ausbrüche wilder Malerei, die zugleich auch wieder ganz alltäglich Farbverläufe sein könnten, wie sie bei fehlerhafter Entwicklung oder anderen Systemzusammenbrüchen ordnungsgemäßer Realitätswiedergabe entstehen könnten. Solche Bildstörungen und solche Sichtbarmachungen der Medialität von Bildräumen finden bei Seok Lee meist in der Form einer malerischen Synthese in feiner Ölmalerei statt. Um so härter wirkt die eine dunkle Holztafel seiner Auswahl: Nur durch die minimalen Interventionen von einem Bruch und einer Einsägung, also wirklich ebenso deftigen wie eigentlich unspezifischen Eingriffen in die Materie, entsteht in der zweidimensionalen Sicht ein poetisches Kürzel einer Landschaft: Wir sehen, wenn unsere Phantasie es so will, ein nächtliches Gebirge an der See…

 

Wo fängt ein Bild an, wo eigentlich sind die Grenzen des Bildraumes? Im Alltag haben wir gelernt, uns zu orientieren, können, jedenfalls meistens, eine Reklametafel von einem Verkehrschild unterscheiden und rennen nicht in jede Spiegelung. Aber die modernen Zeiten stellen da hohe Anforderungen an uns, ohne das wir uns dessen immer bewusst sind, woher eigentlich manchmal die Migräne kommt. Bei dieser Künstlergruppe und in diesen Räumen ist die Verwirrung Prinzip: Tatsächlich können Sie ja die Säulen, die Ihnen mitunter den Blick auf die Bilder verstellen, indirekt in manchen der Bilder wieder finden. Solche Schichtungen sind für Mark Matthes und seine Malerei synthetischer Stadtporträts geradezu grundlegend.

 

Harte Kanten und weiche Übergänge, Brüche und Additionen, realistisches Abbild und abstraktes Zeichen überlagern sich vor und hinter einem durchsichtigen Bildträger. Doch damit nicht genug: in die Bildtiefe hinein und in den Betrachterraum hinaus finden sich zusätzliche Weiterungen in Schattenmotiven und einer – durchaus gewollten – Spiegelung. Denn oft kommt zu einer Spiegelung, die möglicherweise sogar Grund für das Bildmotiv war, eine weitere hinzu, die eher zufällig sich in Teilen der unbemalten Plexiglasoberfläche findet. Die Raumschichten lassen die Wahrnehmung über die verschiedenen Ebenen des Materials zu einem eigenen multiperspektivischen Bildraum finden.

 

Mark Matthes arbeitet mit Schärfe und Unschärfe, mit einer unterschiedlichen Fokussierung, mit Spiegelungen und Doppelbelichtungen, mit Ausschnitten und Collagen… sein malerisches Vokabular ist fast zur Gänze das Vokabular der Photographie. Und für ihn sind seine Malereiobjekte und die Photographie auch tatsächlich gleichwertige Ausdrucksformen: Neben seinen farbbasierten Arbeiten zeigt er auch 15 Farbfotos: Ortsbelichtungen von zugleich beiläufiger und starker Seltsamkeit, bei denen zwar die photographietypische Einheit des Ortes gewährleistet ist, die Raumschichtungen aber trotzdem manchmal zweifelhaft werden…

 

Wenn es denn so bodenlos ist, sich in den Bildern unserer Künstler zu orientieren, lassen sie mich wenigstens etwas zur Orientierung im realen Raum des Marstalls beitragen. Wie die meisten wissen, findet die Ausstellung statt in der 1845 erbauten Stallhalle des Gestüts, das zum Schloss Ahrensburg der Grafen Schimmelmann gehörte. Der Raum, teils noch barock gedacht, teils schon wie eine frühindustrielle Halle realisiert, war dann im 20. Jahrhundert unter anderem Lager für Blumen und Teppiche, Fabrikationsraum und Autowerkstatt. Erst seit 1987 wurde das Ensemble samt Reithalle städtisch und nach umfangreicher Sanierung kulturellen Zwecken zugeführt. Warum dies alles noch einmal wiederholen? Einerseits sind ja einige neue Gäste hier, die diese Geschichte nicht kennen. Andererseits ist es bei dem besonderen Interesse unsere Künstler für die Überlagerungen von Bedeutungsschichten durchaus wichtig, in welchen Räumen sie ausstellen und welche Geschichten und Schichtungen sich in diesen Mauern verbergen. Und sowieso stoßen alle Künstler, die hier etwas machen, auf die schon erwähnten, seitens der Restauratoren präsentgehaltenen Farbschichtungen, die wie ein eigenes Bild stets die Ablagerungen der Historie gegenwärtig machen und zum Dialog herausfordern, gleich ob Mark Matthes eine solche Stelle bewusst in die Komposition seiner Hängung einbezieht, oder Wlodek Bzowka sie bewusst überdeckt.

 

Nachdem ich nun soviel über Überlagerungen von Ebenen in und zwischen den Bildern, im Raum selbst und in der Geschichte gesprochen habe, gestatten sie mir noch eine weitere Kontexterweiterung: Zwar leben alle Künstler dieser Gruppe in Hamburg, aber sie haben familiäre Beziehungen zu Polen, zu Finnland und zu Korea. Und so muss ich einfach die Gedanken noch kurz über unsere Region hinausschweifen lassen: Heute ist in den südlicheren und westlicheren Teilen unserer Republik Karnevalssonntag und in den asiatischen Regionen gar feiert ein knappes Drittel der Menschheit Neujahr. Ich wünsche Ihnen jetzt also ein schönes Jahr des Schweines  -  und viel Anregung in der Ausstellung von Wlodek Bzowka, Max Czycholl, Seok Lee und Mark Matthes.

Die Künstler sind anwesend und freuen sich auf ihre weitergehenden Fragen, und,  immer irgendwie unüblich zu erwähnen, aber keineswegs unwichtig, über ihre Bilderkäufe.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

© Hajo Schiff 02/2007